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Die drei Seiten einer Affäre

Die drei Seiten einer Affäre
Alisons (Ruth Wilson) und Noahs (Dominic West) Affäre hat weitreichende Konsequenzen – nicht nur für die beiden, auch für ihre Familien und ihr gesamtes Umfeld. FOTO: CBS Studios Inc.
Wer bei „The Affair“ Romantik pur und ein Happy End erwartet, könnte falscher nicht liegen. Leidenschaft, Drama und Abgründe? Ja. Happy End? Nein. Sarah Treems („House of Cards“) Serie beleuchtet auf ungewöhnliche Weise die Entstehung und die Konsequenzen einer außerehelichen Affäre. Von Yvonne Simeonidis

Alison Bailey (Ruth Wilson, „Luther“, „Jane Eyre“) lebt mit ihrem Mann Cole (Joshua Jackson, „Fringe“, Dawson’s Creek“) in Montauk, einem Ferienort an der Ostküste der USA. Eines Tages begegnet sie bei ihrer Arbeit als Kellnerin Noah Solloway (Dominic West, „Pride“, „The Wire“), einem Lehrer und Autor aus New York. Noah, seine Frau Helen (Maura Tierney, „Emergency Room“, „The Good Wife“) und die vier Kinder verbringen ihren Sommer im Haus von Noahs Schwiegereltern. Noah, der mit einer Schreibblockade kämpft, und Alison, die gerade einen schweren Schicksalsschlag verwinden musste, beginnen eine zerstörerische Affäre – zerstörerisch für ihre beiden Ehen und konsequenzreich für ihr gesamtes Umfeld.

Als Zuschauer eines Films oder einer Serie hat man meist einen Vorteil gegenüber dem Leser eines Buches: Man sieht mit eigenen Augen wer mit wem, wo, was getan hat und kann sich ein genaues Bild des Geschehens machen, der „unzuverlässige Erzähler“ ist eigentlich dem geschriebenen Wort vorbehalten. „The Affair“ stellt dieses Konzept vollkommen auf den Kopf. Noahs und Alisons Affäre wird aus deren ganz persönlichen Blickwinkeln erzählt, die sich oft extrem unterscheiden. Steht Noah in Alisons Erinnerung als fordernder Verführer da, ist umgekehrt in Noahs Gedächtnis Alison diejenige, die die Affäre forciert.

Wem soll man also glauben? Als Zuschauer bleibt man am Ende jeder Folge mit Fragen zurück: Was ist Wahrheit? Wem kann ich als Erzähler trauen? Wie subjektiv sind vielleicht auch unsere eigenen Erinnerungen? Alle Episoden sind in Kapitel unterteilt, die jeweils aus der Perspektive einer der Hauptfiguren erzählt werden. So fiebert man als Zuschauer jedem neuen Abschnitt entgegen, um zu sehen, wie der jeweils andere eine bestimmte Situation erlebt hat.

Auch wenn man diplomatisch sagen könnte, die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen Noahs, Alisons, Helens und Coles Erinnerungen: eindeutige Antworten liefert „The Affair“ nicht. Man stellt fest, jede Affäre hat drei Seiten: seine, ihre und die Wahrheit. Genau diese Art des Erzählens, dieses nicht genau wissen, was wirklich passiert ist, macht einen großen Teil des Reizes der Serie aus. Gleichzeitig führt die unterschiedliche Wahrnehmung der Protagonisten zu Spannungen und Missverständnissen zwischen den Figuren und endet für manchen Charakter in der Katastrophe.

„The Affair“ endet nicht, wo viele andere Geschichten dieser Art enden: mit dem Bruch der alten Beziehung und dem Beginn des neuen Liebesglücks. Stattdessen erforscht Serienerfinderin Sarah Treem, wie die Figuren mit den Folgen der Affäre umgehen, wie sich für sie ein Leben „nach dem Ehebruch“ gestaltet – gleichermaßen für die Betrüger wie die Betrogenen. Dies, gepaart mit der ungewöhnlichen Art die Geschichte zu erzählen, macht „The Affair“ zu einem fesselnden Erlebnis und hebt die Serie aus der weiten Landschaft der TV-Dramen heraus.

Aktuell läuft in den USA die dritte Staffel der preisgekrönten (drei Golden Globes, ein Satellite Award) Serie. Die aktuellen Folgen der dritten Staffel sind wöchentlich mit ein paar Tagen Verzögerung auf Amazon Prime zu sehen. Dort stehen auch die ersten zwei Staffeln im Originalton und synchronisiert zur Verfügung.

(StadtSpiegel)