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Leere bleibt zurück

Leere bleibt zurück
Endcoal (Ende der Kohle): Schon am frühen Morgen sind die Greenpeace-Aktivisten vor Ort. FOTO: Heinz-Gerd Wöstemeyer
Seit Montagnachmittag ist die neoromanische Immerather Lambertuskirche von 1891 Geschichte. Der „Dom“, wie ihn die Immerather nannten, wurde ein weiteres Opfer des Tagebaus, Von Ulrike Mooz

obwohl das Ende der Kohle längst eingeläutet ist.

Immerath.

Zahlreiche Menschen sind gekommen, um sich von ihrem „Dom“ zu verabschieden. Auch Liedermacher Gerd Schinkel ist hier. Er hat der markanten Kirche mit den weithin sichtbaren Doppeltürmen ein eindrucksvolles Abschiedslied gewidmet. Als könne er es nicht fassen, schaut Lars Zimmer indes dem unermüdlichen Treiben der Abrissbagger zu.

Er ist einer der letzten Bewohner des Ortes, die in Immerath ausharren, dem Ort, der längst ein Geisterdorf geworden ist. „Das Unvorstellbare wird in die Tat umgesetzt, unglaublich“, sagt er und beschreibt seine aktuellen Gefühle als einen Zustand zwischen Trauer und Wut. Andere Umherstehende sehen die Situation ähnlich. „Das ist ja wie im Krieg, wie kann sonst ein ganzes Dorf abgerissen werden?“, sagt Hans Schumacher aus Elmpt, ein ehemaliger Immerather. Seine Tochter Petra pflichtet bei: Es ist erschreckend, dass so was möglich ist.“ „Wie eine Hinrichtung ist das“, drückt Renate Stief aus Beckrath ihre Empfindung aus. Dabei sei das alles gar nicht mehr notwendig, ist Anike Peters aus Hamburg überzeugt. Die Greenpeace-Energieexpertin ist mit etwa 40 Aktivisten schon am frühen Morgen vor Ort. Der Kohleausstieg sei längst überfällig, sagt sie und ergänzt: „Braunkohle ist von vorgestern, die Zukunft liegt in den erneuerbaren Energien.“

Drei Aktivisten haben sich in eisiger Kälte an einem Kirchenfenster abgeseilt und ein Transparent ausgerollt mit der Aufschrift „Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen“; eine weitere Aktivistin hat sich an einen Bagger angekettet. Um die Mittagszeit löst die Polizei den friedlich verlaufenen Protest auf; Startsignal für die Baggerführer. Ingo Bajerke aus Keyenberg und Christiane Heinzl aus Unterwestrich wissen, dass ihre Dörfer als nächste dran sein werden; viele Menschen seien bereits weggezogen, erzählen sie. „Die Kirche empfinde ich als etwas Ewiges; wenn sie verschwindet, bleibt Leere zurück“, fasst Ingo Bajerke seine Empfindungen in Worte.

(StadtSpiegel)
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