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Daran hängt das Herz

Daran hängt das Herz
Buchbinder Peter Boden erklärt die Fadenheftung. Er ist einer der letzten seiner Zunft.
Buchbinder Peter Boden übt seinen Beruf mit Leidenschaft aus. In seiner Werkstatt auf der Konstantinstraße ist das zu spüren. Hochachtung stellt sich ein vor einem Handwerk, das leider nicht mehr viele lernen wollen. Mit Fingerspitzengefühl zeigt er die Fadenheftung, die traditionellste Bindung von größter Haltbarkeit. Iris Kisters hat ihn besucht. Von Iris Kisters

Herr Boden, Sie sind in vierter Generation Buchbinder, stand Zugzwang dahinter?

Nein! Aber es war natürlich früher so, dass man nicht groß gefragt wurde, sondern es war klar, dass man das Geschäft weiterführte. Aber ich möchte keinen anderen Beruf haben!

Wie sah Ihre Ausbildung aus?

Sie startete mit einer dreijährigen Ausbildung in Krefeld. Dann ging es zwei Jahre zur Meisterschule nach München. „Restaurieren“ war zum Beispiel ein Unterrichtsfach. Es folgte eine Fortbildung im Staatsarchiv Düsseldorf.

Welche Eigenschaft, außer einem gewissen Talent, sollte man mitbringen?

Geduld!

Gibt es heute noch Interessenten für diesen Beruf?

Leider ist es ein aussterbender Beruf. In Essen zum Beispiel gibt es eine Berufsschule, die Buchbinder ausbildet. Aber ich habe gehört, dass es im letzten Jahr nur drei Azubis gab. Zu meiner Zeit waren wir 25 in der Berufsschulklasse. Ich weiß aber, dass die Universitätsbibliothek in Düsseldorf kontinuierlich Nachwuchs benötigt. Die Azubis der Uni werden so gut wie alle übernommen.

Was sind alte Bücher wert?

Für mich haben Bücher keinen materiellen Wert. Wenn Ihr Herz an einem Buch hängt, dann ist es wertvoll. Ein Kunde hat mir zum Beispiel das Märchenbuch seiner Mutter gebracht. Sie hatte es bei der Flucht verloren und er entdeckte es in einem Antiquariat wieder. Ein wundervolles Geschenk. Poesiealben, alte Klassenbücher, Kochbücher mit Familienrezepten, das sind Schätze. Ein Tipp an den Laien: Niemals ein Buch mit durchsichtigem Klebeband bearbeiten, man bekommt es nie schadlos wieder herunter!

Wie alt ist ihr derzeit ältestes Buch, das sie restaurieren?

(holt es hervor)Dieses Buch ist von 1580 und hat sakralen Charakter. Kirchenbücher müssen archiviert sein und aus diesem Grund werden sie restauriert. Der Grundsatz „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ ist bei alten Büchern das Wichtigste. Der Charakter darf nicht verändert oder gar verfälscht werden.

Was sind die Hauptprobleme bei alten Büchern?

Bestimmte Papierqualitäten und Leime zersetzen sich mit der Zeit, da sich Säuren entwickeln. Mikroorganismen wie Bakterien, Schimmelpilze, Insekten wie Silberfische oder der berühmte Bücherwurm zerfressen das Buch, denn Papier ist aus Zellulose und somit Nahrung. Weitere Probleme sind Staub, Schmutz, Stockflecken, vergilbtes Papier, Stockflecken, Leckflecken, Buchdeckel werden lose, Lederoberflächen brechen und Pergament schrumpft mit der Zeit.

Was sind Leckflecken?

Es gibt Menschen, die lecken an ihrem Zeigefinger bevor sie umblättern. Eine schreckliche Angewohnheit.

Was kostet es ein geliebtes Buch reparieren beziehungsweise restaurieren zu lassen?

Bei einem Märchen- oder Kochbuch zwischen 30 und 50 Euro. Bei der Restaurierung (zeigt auf das Kirchenbuch von 1580) liegt der Preis natürlich höher, bei 400 bis 500 Euro.

Was ist ihr Lieblingsbuch?

Ein Kinderliederbuch aus den 90-iger Jahren. Aus diesem Buch habe ich damals meinen Kinder jeden Abend eine halbe Stunde lang vorgelesen.

(StadtSpiegel)