| 15.03 Uhr

Sünder, Mörder oder doch Opfer?

Sünder, Mörder oder doch Opfer?
Ein Familienausflug zum Strand endet für Cora Tannetti (Jessica Biel) und ihren Mann Mason (Christopher Abbott) in der Katastrophe. FOTO: Netflix
In „The Sinner“, einer neuen Miniserie des Streamingdienstes Netflix, überzeugt Jessica Biel als Cora Tannetti, die scheinbar aus dem Nichts heraus einen brutalen Mord begeht. Von Yvonne Simeonidis

Cora Tannettis (Jessica Biel, „Kiss the Coach“, „Eine himmlische Familie“) Leben wirkt auf den ersten Blick glücklich und sorgenfrei. Mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn Laine führt sie ein beschauliches Leben in einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste und hilft nebenbei in der Firma der Schwiegereltern aus. Dieses vermeintliche Idyll wird jäh zerstört, als Cora bei einem Familienausflug plötzlich auf einen jungen Mann losgeht und brutal so lange auf ihn einsticht bis er seinen Verletzungen erliegt. Der Schock der Tat legt sich gleichermaßen über Zuschauer wie die Protagonisten der Serie.

So unverständlich die Tat für ihr Umfeld ist, Cora versteht sie am allerwenigsten. Sie gesteht, bekennt sich schuldig und verzichtet damit auf eine Gerichtsverhandlung. Der einzige, der den Fall nicht so auf sich beruhen lassen will, ist Detective Harry Ambrose (Bill Pullman, „Independence Day“, „Torchwood“). Ihm lässt das fehlende Motiv keine Ruhe und so beginnt er in der Vergangenheit von Cora zu forschen. Die verstrickt sich in ihren Aussagen immer wieder in Widersprüche und führt so Zuschauer wie Ermittler auf falsche Fährten.

Durch Rückblenden in Coras Kindheit und junges Erwachsenenleben setzt sich im Laufe der acht Folgen ein Bild zusammen, das erschreckt und sprachlos macht. Ein ums andere Mal denkt man, das Geheimnis entschlüsselt zu haben, nur um dann mit einem neuen Twist in eine andere Richtung geworfen zu werfen. Die letztendlichen Hintergründe der Tat bleiben bis kurz vor Ende der Serie verborgen. Dies liegt vor allem daran, dass Cora so stark traumatisiert wurde, dass sich Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf zu einem verfälschten Bild zusammengefügt haben.

Detective Ambrose, der mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat, scheint in Cora eine Seelenverwandte zu entdecken. Er macht sich ihre Rettung zur Aufgabe, während seine Kollegen sie schon als kaltblütige Mörderin abgestempelt haben und den Fall zu den Akten legen wollen. Ihm vertraut Cora sich an, sieht sie ihn als Schlüssel zu ihrer eigenen verdrängten Vergangenheit.

So wie hier hat man Jessica Biel noch nicht gesehen. Ihre Darstellung der von Schuldgefühlen zerfressenen und von den Ereignissen in ihrem Leben traumatisierten Cora ist so beklemmend, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Die Serie spielt geschickt mit den beklemmenden Momentaufnahmen, die der Zuschauer parallel zu Cora und Ambrose zu einem Puzzle zusammensetzt. Diese Art von düsterer Krimiserie, die die Abgründe der menschlichen Psyche aufzeigt, hat aktuell Hochkonjunktur. „The Sinner“ reiht sich ganz vorne mit ein, wobei hier der Fokus auf dem liegt, was uns von außen in Form von Erziehung und Sozialisation angetan werden kann. Die Serie beschönigt nichts, lässt Cora aber auch nicht aus der Verantwortung. Am Ende der achten Folge angekommen, muss man erst einmal tief durchatmen, um das Gesehene zu verarbeiten, ist mit dem Ende aber gleichermaßen zufrieden.

Alle acht Folgen von „The Sinner“ sind über Netflix verfügbar.

(StadtSpiegel)