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Gerechtigkeit für die Opfer

Gerechtigkeit für die Opfer
Schwester Cathy Cesnik verschwand am 7. November 1969, ihre Leiche wurde zwei Monate später entdeckt. Ihr ungelöster Mordfall ist der Ausgangspunkt für die „True Crime“-Dokumentation „The Keepers“. FOTO: Netflix
Vor gut anderthalb Jahren machte Netflix mit der „True Crime“-Dokumentation „Making a Murderer“ Furore. Mit „The Keepers“ hat der Streamingdienst nun eine Dokumentation veröffentlicht, die sprachlos, traurig und vor allem sehr, sehr wütend macht. Von Yvonne Simeonidis

Alles beginnt mit einer Frage: „Wer ermordete Schwester Cathy Cesnik?“ Die junge Nonne war am 7. November 1969 in Baltimore verschwunden. Ihr Leichnam wurde zwei Monate später mit eingeschlagenem Schädel gefunden. Schwester Cathy Cesnik arbeitete als Englisch-Lehrerin an der örtlichen Archbishop Keough High School. Ungeklärt wanderte der Fall zu den Akten.

Erst in den 90er Jahren kam Schwester Cathys Mord zurück ins Rampenlicht, als eine ehemalige Schülerin, „Jane Doe“, den damaligen Schulkaplan Joseph Maskell des sexuellen Missbrauchs beschuldigte, in Zuge dessen aussagte, er habe sie 1969 zur Leiche von Cathy Cesnik geführt und sie mit den Worten bedroht „Sieh dir an, was passiert, wenn man schlecht über andere Leute redet.“ Wurde Schwester Cesnik also getötet, weil sie den Missbrauch an der Keough High School publik machen wollte? Trotz „Jane Does“ Aussage und den Berichten weiterer Zeugen und Opfer wurde niemand zur Verantwortung gezogen.

Zwei von Cesniks Schülerinnen, Gemma Hoskins und Abbie Schaub, ließ der Fall keine Ruhe und so gründeten sie vor ein Paar Jahren eine Facebook-Gruppe zum Thema, begannen zu recherchieren, Zeitgenossen und Zeugen zu interviewen, gruben sich durch alte Polizeiunterlagen – immer auf der Suche nach der Wahrheit.

Regisseur Ryan White interviewte für „The Keepers“ neben Hoskins und Schaub unzählige Zeugen, Opfer, Verdächtige, Verwandte, Freunde, Journalisten, Regierungsvertreter und Bürger, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Die Doku mag mit dem ungelösten Mord an Schwester Cathy beginnen, was einen jedoch mit immer mehr Rage und Schock weiterschauen lässt, sind die schrecklichen Geschichten der vielen Missbrauchsopfer und wie sie von Kirche und Behörden wieder und wieder im Stich gelassen wurden. Die institutionalisierte Vertuschung der Machenschaften Maskells und seiner Mittäter, sowie der Versuch der Erzdiözese, die Opfer als Lügner darzustellen, lässt einen als Zuschauer fassungslos zurück.

Thematisiert wird in „The Keepers“ auch der – bis heute vergebliche – Kampf für eine verlängerte Verjährungsfrist von Missbrauchsvorwürfen und wie man damals und heute mit „wiederentdeckten/unterdrückten Erinnerungen“ vor Gericht umgeht. Zwei Aspekte, die für die Missbrauchsopfer von Keough große Relevanz haben. Die Folgen des Missbrauchs, mit denen die Opfer auch fünf Jahrzehnte später immer noch kämpfen haben, schnüren einem die Kehle zu. Gleichzeitig kann man den Mut und die Kraft Jane Does und der anderen Opfer nur bewundern. „The Keepers“ wühlt auf, macht traurig und wütend.

„The Keepers“ ist exklusiv über Netflix streambar, die Dokumentation umfasst sieben Folgen. Wer sich nach Anschauen der Doku weiter informieren möchte wird hier fündig: www.thekeepersgroup.com oder www.whokilledsistercathy.org.

(StadtSpiegel)