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Wehmut, Wut und Trümmer

Wehmut, Wut und Trümmer
Die Bewegung „Ein Dom für Immer(ath)“ hatte am Sonntag zu einer Mahnwache und einem anschließenden politischen Gebet eingeladen. Der Andrang war groß. FOTO: Heinz-Gerd Wöstemeyer
Immerath. Knapp 130 Jahre nach der Grundsteinlegung im September 1888 ist von der neoromanischen Immerather Lambertuskirche seit Dienstag nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Die 1891 eingeweihte Kirche – wegen ihrer Doppelturm-Fassade „Dom“ genannt – ist ein weiteres Opfer des Tagebaus. Extra-Tipp Mitarbeiter Heinz-Gerd Wöstemeyer hat vor Ort Stimmen gesammelt. Von Heinz-Gerd Wöstemeyer

„Symbole sollen

beseitigt werden, hier der Dom, da der Hambacher Forst; die Kohleförderung ist zweitrangig“, ist Michael Zobel überzeugt. Der Naturführer und Waldpädagoge aus Aachen hatte am Dreikönigs-Samstag eine Mahnwache vor der Kirche organisiert. Etwa 80 Menschen kamen, unter ihnen Kurt Lennartz und Josie Bockholt von der Aachener Kabarett-Gruppe „Muita Merda“. „Mit unseren Auftritten und selbst gemachten Liedern protestieren wir gegen Umweltzerstörung und Krieg“, sagte Kurt Lennartz, „die Leute verlieren ihre Heimat, und durch die Zerstörung der Lebensräume ist auch unser aller Zukunft in Gefahr.“

Tags drauf hatte die Bewegung „Ein Dom für Immer(ath)“ zu einer Mahnwache und einem anschließenden politischen Gebet eingeladen. „Der Dom wird morgen von einer Übermacht niedergerissen“, sagte die Sprecherin der Gruppe Eva Schaaf vom Kölner Allerweltshaus vor etwa 300 Anwesenden. „Wenn die Steine nur noch Trümmer sind, können sie Mahnmal sein für die einkalkulierte unmenschliche Konsequenz des Profits“, ergänzte sie.

Auch Liedermacher Gerd Schinkel aus Köln war nach Immerath gekommen, um sein jüngst verfasstes Abschiedslied für den „Dom von Immerath“ vorzutragen: „...für alle Zeit verloren, für ein Loch, das niemandem mehr nützt. Die Zeit der Braunkohle, sie ist vorüber. Wer bleibt, der dieses Land beschützt?“ Lutz Dittmar war 25 Jahre Pfarrer in Erkelenz-Lövenich. Er erinnerte an seine Arbeit im Nachbarort Holzweiler: „Die Braunkohle war die Drohung, die ständig über unserer Gemeinde lastete.“ Hans Stenzel vom evangelischen Kirchenkreis Jülich verlas eine Rede des Superintendenten Jens Sannig, der verhindert war. Sannig mahnt: „Hier an diesen gigantischen Löchern mit seinen gigantischen Kraftwerken entscheidet sich die Zukunft unserer Welt. Hier entscheidet sich, ob es uns gelingt, den Kohlendioxidausstoß drastisch zu senken und damit das Klima weltweit zu verbessern.“ Sein Text endet mit den Worten: „Der Abriss der Kirche ist Mahnung: ‚es ist genug’. Es ist Zeit, dass die Vernunft des Menschen über seine Unvernunft siegt.“

Am Montagmorgen legten Immerather Bürger am Absperrzaun Blumen und Trauerkränze nieder; 40 Greenpeace-Aktivisten aus ganz Deutschland erreichten mit diversen Aktionen einen vorläufigen Baggerstopp, verhindern konnten sie den Abriss indes nicht. Am Dienstagmittag waren vom Immerather Dom nur noch Trümmer übrig.

(Report Anzeigenblatt)