| 15.21 Uhr

Tschernobyl, 26. April 1986

Tschernobyl, 26. April 1986
Dr. Artur Markov erläutert in seinem Mönchengladbacher Arbeitszimmer vor dem Computer, welche Eindrücke er als junger Student in den Tagen nach dem Reaktorunfall gewann. FOTO: Klaus Schröder
Mönchengladbach. Tschernobyl, das bedeutet übersetzt: „Schwarze Geschichte“. Dr. Artur Markov, der als Geologiestudent den 26. April 1986 in Kiew miterlebte, weiß, was nur 100 Kilometer entfernt passierte. Dem Extra-Tipp Mönchengladbach erzählt er es. Von Klaus Schröder

Nachdem 12 000 Tonnen Metall durch die Explosion hochgeschleudert worden waren und radioaktives Material 6 000 Meter in die Atmosphäre aufstieg, war in Kiew niemandem klar, was das bedeutete. „Es gab keine Erfahrungen und keine Infrastruktur, trotzdem mussten Menschen in allen Situationen entscheiden und sofort handeln“, sagt Artur Markov, der vor 15 Jahren nach Mönchengladbach emigrierte, weil seine alten Eltern Hilfe brauchten.

„Alle Transporte aus der Unglücksregion wurden kontrolliert, in eine provisorische Waschanlage gebracht und dort desinfiziert. Auch ich half dabei.“ Aber niemand hielt sich vor Augen, dass das Wasser verseucht war. Es versickerte einfach. „Erst zwei, drei Tage später ging allen auf, dass man das Reinigungswasser sammeln müsste.“ Überhaupt waren die Informationen dünn. „Man raunte sich auf der Straße zu, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein musste, aber bis zum 1. Mai gab es keine offizielle Erklärung in der Sowjetunion.“ Die traditionelle Demonstration auf dem Majdan fand statt, als wäre nichts gewesen.

Ohne diese Politik verteidigen zu wollen, sagt Dr. Markov: „Kiew hatte damals 3,5 Millionen Einwohner und an eine Evakuierung war nicht zu denken. Können Sie sich vorstellen, welche Folgen eine Panik gehabt hätte?“ Tote wären unvermeidbar gewesen. Dann kam plötzlich der Wind nicht mehr aus Ost, sondern aus Nord und bedrohte Kiew. „Am 3. oder 4. Mai erschien in der Prawda am Fuß der ersten Seite eine kleine Meldung über das Unglück.“ Weitere Reaktorblöcke konnten immer noch explodieren - aber es gab noch nicht einmal Dosimeter, also Geräte zur Messung der Strahlendosis.

Dr. Artur Markov, der später Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Moskau wurde, wusste aber schon damals, dass die „Pollution“, also die Verschmutzung, in 300 Kilometern Entfernung größer sein konnte, als in 20 Kilometern.

Am Ende der Stunde in seinem Haus an der Römerkuppe gibt er dem Reporter noch mit auf den Weg: „Jede Stadt braucht einen Plan.“ Damit es nicht mehr schwarze Geschichten gibt.

(Report Anzeigenblatt)