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Ein bemerkenswertes Leben

Ein bemerkenswertes Leben
Maksut Karadeniz und seine Frau Hafize sind seit 71 Jahren verheiratet. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Am kommenden Dienstag, 8. August, wird Maksut Karadeniz 90 Jahre alt. Sicherlich eine Nachricht wert. Interessanter aber ist seine Lebensgeschichte. Vor 51 Jahren kam er mit seiner Frau Hafize als Gastarbeiter aus der Türkei. Ein Hausbesuch. Von David Friederichs

Freundlich öffnet die junge Frau in der ersten Etage die Tür. Im Hintergrund lächelt ein altes Ehepaar, das noch erstaunlich fit ist. Beide sind noch gut zu Fuß und ihr Alter sieht man ihnen nicht an. „90 Jahre“ geht es mir durch den Kopf, während ich zur Tür hinein schreite und im Wohnzimmer auf der schwarzen Ledercouch Platz nehme. Immer noch lächeln Maksut Karadeniz und seine Frau Hafize in meine Richtung. Einzig die Kommunikation ist ein bisschen schwierig, da beide mit ihrem Hörgerät zu kämpfen haben. Doch dafür ist ja Enkelin Sibel Bagci da. Freundlich übersetzt sie meine Fragen, man merkt, dass die Kommunikation in türkischer Sprache dem Ehepaar leichter fällt. „Früher“, sagt Bagci, „haben beide noch besser deutsch gesprochen.“ Immer wieder blitzen die Deutschkenntnisse auch auf. Dass Maksut Karadeniz in der kommenden Woche seinen 90. Geburtstag feiert, ist dabei aber nur ein Teil der Geschichte, weitaus interessanter ist die Lebensgeschichte der beiden.

1966 hatten sie in der Türkei eine Anzeige in der Zeitung gelesen. Eine Firma im bayrischen Hof suchte fünf Gastarbeiterfamilien. Maksut, der in Istanbul eine Reinigungsfirma betrieb, und seine Frau, die in einer Spinnerei arbeitete, zögerten nicht lange und bewarben sich bei der türkischen Arbeitsagentur.

Ihre Familien wussten nichts von dem Unterfangen und erfuhren es erst, als zwei Monate später die Zusage kam. „Also haben wir uns am 3. Juni in Istanbul in den Zug gesetzt und sind nach Deutschland gefahren“, erzählt Maksut. Ihre drei Kinder allerdings mussten zunächst in der Türkei bleiben. Nach drei Tagen kamen sie schließlich am 6. Juni 1966 in München an und wurden dort in Empfang genommen. Stolz zeigt mir Maksut den ersten Arbeitsvertrag mit der Friedrich-Kanzler KG, einer Textilfabrik. 3,50 DM gab es pro Stunde, in der Nacht sogar 4,25 DM. „Wir sind sehr offenherzig empfangen worden“, erinnern sich beide. Doch machte vor allem Hafize schwer zu schaffen, dass sie ihre Kinder nicht bei sich hatte. „Ich habe viel geweint“, sagt sie.

Die Trauer bekam auch der Vorarbeiter mit und gewährte den beiden nach sechs Monaten Sonderurlaub, um auch die Kinder nach Deutschland zu holen. Bei einem Heimaturlaub 1968 lernte das Ehepaar Karadeniz einen Gastarbeiter kennen, der in Mönchengladbach arbeitete. Karadeniz bewarb sich bei der Busch & Hoffmann Chemiefaserspinnerei, auch weil höhere Löhne gezahlt wurden. Die Zusage ließ nicht lange auf sich warten und so wurde die ganze Familie in den Opel Caravan gepackt und es ging Richtung Niederrhein.

„Den Schritt haben wir nie bereut“, sagt Hafize. Bis zur Schließung der Spinnerei arbeitete Maksut im Betrieb, seine Frau schied 1983 aus, um sich der Erziehung ihrer Enkelin zu widmen. Maksut allerdings war in seinem Arbeitswillen nicht zu bremsen. Erst arbeitete er sieben Jahre als Hausmeister in der Rheydter McDonalds-Filiale, im Anschluss bis zu seinem 80. (!) Lebensjahr auf 400 Euro Basis bei Praktiker. „Ich habe immer gerne gearbeitet“, sagt Maksut, vielleicht ist auch das der Grund, warum er heute noch so fit ist. Jede Woche geht er zudem zum Seniorensport, ist da aber allerdings mit Abstand der Älteste. Bis vor zwei Jahren fuhr er zudem jedes Jahr mit dem Auto die 2 500 Kilometer in seine Heimat. Wenn ihn seine Familie nicht bremsen würde, würde er noch heute die lange Strecke auf sich nehmen.

Apropos Familie: Aus der fünfköpfigen Gastarbeiterfamilie ist mittlerweile eine Großfamilie mit acht Enkelkindern und drei Urenkeln geworden. Der Großteil lebt weiterhin in Mönchengladbach. Und fast alle werden am kommenden Dienstag zusammenkommen, um Maksuts 90. Geburtstag zu feiern. Und auch die Nachbarn werden es sich nicht nehmen lassen, Maksut zu gratulieren. Schließlich wohnt das Ehepaar seit 30 Jahren auf der gleichen Straße und ist sehr beliebt.

Beim Herausgehen begleitet mich Maksut Karadeniz noch und winkt freundlich lächelnd hinter mit her. Ein bemerkenswerter Termin, ein bemerkenswerter Mann und ein bemerkenswertes Leben.

(Report Anzeigenblatt)